Florenz: Cimitero degli Inglesi

„Hi there!“ Zwei Frauen mittleren Alters, die mit ihren müden Locken, beigen Hornbrillen und bunten, flatternden Strickklamotten dem Lehrerinnen-Stereotyp hundertpro entsprechen, begrüßen mich am Eingang des „Cimitero degli Inglesi“ mit dem offensten Lachen der Welt. „Uh, hi!“ antworte ich einigermaßen verwirrt ob der familiären Begrüßung. Bevor ich sie fragen kann, was mir die Ehre verschafft, tritt eine Nonne aus dem Friedhofsbüro und wendet sich ihnen zu. Selbstverständlich bleibe ich stoisch stehen und höre ich ihr Gespräch mit. Dabei lerne ich, dass die beiden Damen tatsächlich Lehrerinnen sind. Professorinnen sogar, also quasi Super-Lehrerinnen. Sie unterrichten an der Kopenhagener Universität und sind mit ihren Kunstgeschichte-Studenten auf Studienreise in Florenz. Die Nonne, die den Friedhof bewacht, wird ihnen gleich die Toten und ihre Gräber erklären.

Ich werde hellhörig und frage eine der Professorinnen unauffällig, ob ich mich ihrer Tour anschließen darf. „Oh, I thought you were one of our students! We just arrived and I am still getting to know everyone. Well, of course, join, you fit in perfectly!“ Bäm! Ich fühle mich sofort zehn Jahre jünger.

Schon bittet die Nonne, die sich als Sister Juliet vorstellt, uns in ihre Bibliothek – ein kleiner Raum, der bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft ist. Wir befinden uns sofort mitten in der illustren Friedhofsgeschichte. Die beginnt mit Ochsenkarren, auf denen die Leichen von Nicht-Katholiken früher weggebracht wurden, weil sie auf den katholischen Friedhöfen der Stadt nicht beigesetzt werden durften. Das wollten die Schweizer, die sich in Florenz niederließen, nicht länger ertragen und gründeten den protestantischen Friedhof auf einer beschaulichen Verkehrsinsel. Dass der Friedhof „Cimitero delle Inglesi“ heißt, rührt daher, dass die meisten toten Protestanten am Ende doch Engländer waren.

Es folgen ziemlich wilde Stories, die ich mal so wie mir zugemunkelt (und nur teilweise überprüft) in den Raum stelle:

Der Schweizer Maler Arnold Böcklin, berühmt für sein Eins-a-Gemälde „Die Toteninsel“, hat wohl seine sechsjährige Tochter Maria hier begraben (und daraufhin die ersten drei Versionen dieses Bildes auf ebendiesem Friedhof gemalt). Macht Sinn. Treffender, aber weniger poetisch, wäre natürlich der Titel „Die Toten-Verkehrsinsel“ gewesen. Auch geeignet wäre, dem Klischee des italienischen Fahrstils folgend, sicherlich „Die Verkehrstoteninsel“. Jaja, ich weiß. Sorry. Schon still. Jedenfalls hat er das dritte dieser Bilder für seinen Kunsthändler, den berühmten Fritz Gurlitt 1883 gemalt, bevor 1933 der verkannte Künstler, Böcklin-Verehrer und Kunstconnaisseur Adolf Hitler es dann kaufte. Shit happens.

Mary Somerville, die Lehrerin der Mathematikerin und Rechner-/Programmierpionierin Ada Lovelace, möchte Sister Juliet gern aus Neapel hier herholen. Also, ihr Grab. Grund: „We women need role models!“ Rolling Stones to Florence.

Außerdem liegt hier wohl eine Frau, die aufgrund ihrer Wirbelsäulentuberkulose besonders viel Opium rauchte und ihre Zeit zugedröhnt im Schaukelstuhl verbrachte. Beim Versuch, sie zu googeln, finde ich heraus, dass der Konsum von Opium Wirbelsäulentuberkulose begünstigt – klarer Fall von „Henne oder Ei“.

Elisabeth Barrett Browning hatte da ganz andere Sorgen. Ihr Vater hatte ihr – und ihren elf Geschwistern – wohl die Reproduktion untersagt, da der Genpool der ursprünglich auf Jamaika angesiedelten Familie scheinbar „Sklavenblut“ beinhaltete. Ist klar: Gevatter Barrett hatte Angst, die Kinder könnten dunkelhäutig werden. Puh. Elisabeth hatte es nicht nur mit ihrem Vater schwer, sondern auch mit ihrem Mann, munkelt Sister Juliet. Der habe wohl ihre Poesie gestohlen und vertickt, und das hat sie umgebracht. Doch damit nicht genug der Schande: Robert Browning ließ seiner toten Frau ein Grab designen, auf das prominent ihr Portrait in Marmor gemeißelt werden sollte. Auf dem Sarg jedoch fehlt es, denn Robert hat es entfernen lassen. Schwester Juliet ist mit dieser Respektlosigkeit nicht einverstanden – aber was will man machen, so hat es sich wohl zugetragen.

Es wird Zeit, die Studierbude zu verlassen und die Gräber zu den Geschichten anzusehen. Sister J führt uns über den Friedhof und bleibt zunächst vor der Statue einer Frau stehen. Diese hier hat ein Rumäne gesäubert, dem sie das Alphabet beigebracht hat. Ein findiger Fuchs, der nach getaner Arbeit mit dem Laser kommentierte, dass die Reinigung per Hand doch wesentlich günstiger gewesen wäre, wenn man mal die Kosten für die Elektrizität des Lasers bedenkt! True that. Aber Laser ist geiler.

Während wir uns weiter über den Friedhof bewegen, klärt uns Juliet auf: „Hier liegen viele Kreative. Für gewöhnlich waren sie die schwarzen Schafe der Familien. Diejenigen, die in England nicht hineingepasst haben.“ Im Vorbeigehen zeigt sie auf eine umgefallene Säule. Ich bin Profi und weiß, sinkende oder umkippende Grabsteine sind auf Friedhöfen nun wahrlich nicht ungewöhnlich. Doch, ach! „Die liegende Säule symbolisiert ein zu früh geendetes Leben“, erklärt sie. Ich lerne! Als nächstes zeigt sie auf den Weg unter unseren Füßen. „Unter dem Sand, auf dem wir gehen, liegen Tausende Knochen. Manchmal kommen sie an die Oberfläche.“ O tempora, o bones.

Sie fährt fort: „Der junge Mann, dessen Portrait diese Säule ziert, ist John David, Sohn eines Kirchenmannes. Er starb mit 15, seine Skulptur wurde jedoch für sein 18-jähriges Ich designt, da der Produktionsprozess damals sehr zeitaufwendig war.“ Ha! Das sollte sich heut mal einer erlauben. Ich stelle mir vor, wie ich dem Kunden sage, seine Kampagne kann nicht in drei Wochen, sondern erst in zwei Jahren fertig sein. Ein mächtiges Gefühl.

Nach all den aufregenden Geschichten beschließe ich, allein noch ein wenig zwischen den Gräbern herumzuhüpfen. Vor der Statue einer trauernden Frau bleibe ich stehen. „She was a bad mother!“, höre ich eine rauhe Stimme die Stille brechen. Sie gehört einer älteren, eleganten Dame, die auf einem mitgebrachten Faltstuhl vor einer Grabplatte sitzt. „Alle fotografieren diese Statue. Sie ist hübsch. Aber sie war eine schlechte Mutter! Hier ruht ihr Sohn Arnold Savage Landor“, fügt sie erklärend hinzu. Warum sie eine schlechte Mutter gewesen ist, bleibt unklar. Doch das Internet munkelt so manches über die Familie Savage Landor und Julias unglückliche Ehe mit dem Kindsvater, Walter Savage Landor, der ein paar Gräber weiter ruht. Die Statue seiner Frau dreht ihm den Rücken zu – auch im Tode noch zeigt sie ihm die kalte Schulter. Ich wende mich von der steinernen Dame ab und der lebenden zu. Wir kommen ins Gespräch.

Signora P. ist 1955 der Liebe wegen aus der Schweiz nach Italien ausgewandert. Nach vielen glücklichen Jahren in Florenz hat sie vor fünf Jahren ihren Mann verloren. Nun besucht sie ihn regelmäßig hier auf dem Friedhof. Sie sagt zu mir: „Als mein Mann ging, hoffte ich an gebrochenem Herzen zu sterben, aber ich habe es nicht geschafft!“ Statt dessen hat sie die Grabplatte ihres Mannes mit Blumen gesäumt. Dafür sei sie von der Freidhofswächterin angezählt worden. Na klar, die Fläche ist begrenzt und der Friedhof voll. Jeder Zentimeter kostet. (Ich schätze, so ein Laser zum Reinigen der Statuen muss auch bezahlt werden.) Und jetzt kommen auch noch die Katholiken. Wir lästern ein wenig über den Vatikan, dann muss ich weiter. Sie verabschiedet mich: „Ich wünsche Ihnen Seelenheil. Wissen’s, das ist viel wichtiger als die Arbeit!“ Ich mag die Frau.

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